Kopf einer lächelnden Frau mit Brille und schulterlangen Haaren

Wie ich wurde, was ich bin – Mein Weg zur Achtsamen Körperarbeit und Gründerin von DER RUHEPOL

Einleitung

Im Sommer 1971 komme ich in Hamburg auf die Welt. Bereits als Kind brauche ich mehr Ruhe als vielleicht so manch anderes Kind. Sogar als Baby schlafe ich so viel, dass meine Eltern tatsächlich ab und zu gucken, ob ich überhaupt noch atme. Trotzdem kommt niemand in den kommenden Jahren auf die Idee, dass ich Entspannung zu meinem Thema, geschweige denn zu meinem Beruf machen könnte. Das ist einfach nichts für mich – denke ich. Entspannungsübungen finde ich albern und wenn jemand sagt, ich solle mich entspannen, werde ich eher ärgerlich, als dass ich darin einen Sinn sehe. Hier sind die wichtigsten Stationen, wie ich Entspannung doch noch zu meinem Thema machte und wie mich das Leben genau dahin brachte, wo ich jetzt bin.

  1. Bereits als Kind / Jugendliche habe ich Verspannungen und Rückenschmerzen. Das liegt vielleicht daran, dass ich schnell wachse und ziemlich groß bin. Außerdem habe ich als Kind mehrere Stürze und Unfälle von Schlüsselbeinbruch über diverse Stauchungen bis hin zur Gehirnerschütterung, so z.B. als ich als ca. 4Jährige von der Wasserrutsche mit dem Kopf auf Waschbeton falle und mit einer schweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus komme. Zum Glück verläuft alles gut, so dass ich sogar eine Woche früher als gedacht nach Hause kann. Aber sicherlich ist die Wirbelsäule dabei ziemlich zusammengestaucht worden.
  2. Ich bin hochsensibel und weiß es (noch) nicht. Meine Eltern sagen, dass ich mich gut alleine beschäftigen kann, denn ich liebe es, während irgendeiner Tätigkeit zu träumen, nachzudenken und mir Geschichten auszudenken. Als Kind und Jugendliche empfinde ich das als Makel und denke, ich müsse immer gerne in Gesellschaft sein. Doch zu viel Gesellschaft ohne Pause stresst mich. Und der Glaubenssatz, dass ich eigentlich anders sein sollte stresst mich noch zusätzlich. Doch das ist mir als Kind noch nicht bewusst. Ich tue mein Bestes, um mich anzupassen.
  3. 70er und 80er Jahre: Als Kind schwanken meine Berufswünsche stark von Zahnärztin über Tierärztin bis zur Flugbegleiterin ;-). Doch im Grunde habe ich keine Vorstellung davon, was ich machen möchte. Meine Jugend ist eine Zeit, in der ich sehr schwimme, was meine Vorstellungen von meinem Leben betrifft. Ich sehe, was andere machen, orientiere mich an dem, was man halt so macht und merke, wie ich körperlich und letztlich auch im Ganzen sehr verspanne. Die Erwartungen, von denen ich glaube, dass sie an mich gestellt werden, drücken mich stark.
  4. 1991: Abi – und nun? Als ich dann mein Abitur mache, haben viele meiner Klassenkamerad:innen schon einen Arbeitsvertrag in der Tasche oder wissen zumindest, was sie beruflich machen wollen. Ich habe immer noch keine Ahnung. Eine Freundin von mir will Sonderpädagogik studieren. Und weil ich nichts Besseres weiß, schreibe ich mich für denselben Studiengang ein, allerdings an einer anderen Uni. Die Orientierung am Außen und an Anderen ist stark. Ich merke noch nicht, was eigentlich MEIN Weg ist.
nach meinem Abi auf Rucksackreise mit Freundinnen
  1. Ende 1991: Ich studiere nun also Sonderpädagogik an der CAU in Kiel. Sonderpädagogik bedeutet, dass ich auf Lehramt studiere. Und das, wo ich in der Schule noch nicht einmal gerne Referate gehalten habe! Aufgrund meiner Studien-Schwerpunkte, habe ich in meinen Praktika u.a. mit Kindern zu tun, die Sprachstörungen haben. Ich merke sehr schnell, dass ich nicht gerne vor einer Klasse stehe und Unterrichtsstoff vermittele, sondern lieber in einer 1:1-Situation arbeite. Nun war ich aber auf dem Weg zur Lehrerin. Wie konnte das passieren?
  2. Mitte der 90er: Praktikum in einer Ambulanz: Während eines weiteren Praktikums in einer Ambulanz, in der mit Kindern in Einzelsituation gearbeitet wird, um ihre sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern, beschließe ich, dass ich DAS machen will. Endlich habe ich ein Ziel und eine Vorstellung von meiner beruflichen Zukunft.
Bei der Arbeit. Zum Glück habe ich während eines Praktikums die Möglichkeit gehabt, sprachtherapeutisch zu arbeiten. Das hat mir neue berufliche Perspektiven gegeben und letztlich meinen Weg maßgeblich beeinflusst.
  1. 1996: Ich mache mein 1. Staatsexamen auf Lehramt. Obwohl ich keine Lehrerin werden möchte, mache ich diesen Abschluss. Normalerweise geht man dann ins Referendariat an die Schule. Aber das ziehe ich gar nicht erst in Erwägung. Mir ist klar, dass das nicht mein Weg ist. Doch mit dem 1. Staatsexamen habe ich die Möglichkeit, Sprachtherapeutin zu werden. Dafür muss ich noch Diplompädagogik studieren. Zum Glück kann mir einiges, was ich bereits studiert habe, angerechnet werden – aber nicht alles. Der Haken ist nur, dass ich nicht sicher sein kann, überhaupt in diesen Studiengang hineinzukommen.
  2. 1996/97: Ein Jahr Unsicherheit. Obwohl ich nicht sofort weiter studieren kann und nicht weiß, wie es überhaupt weitergeht, gehe ich dieses Risiko ein. Ich verdiene mit diversen Jobs (Nachhilfe, Klavierunterricht, Promotion …) meinen Unterhalt und hoffe auf einen Studienplatz. Alle Leute um mich herum (außer meinen Eltern, denen ich super dankbar bin, dass sie mir vertrauen) erklären mich für verrückt, weil ich nicht ins Referendariat gehe. Denn dann hätte ich doch wenigsten einen Beruf! Doch ich will nicht irgendeinen Beruf. Ich will einen, der mir Spaß macht. Und aus irgendeinem Grund bin ich fest davon überzeugt, dass ich den auch bekommen werde.
  3. Juhu, ich habe die Zusage für den Diplom-Studiengang: Nach einem Jahr Unsicherheit bekomme ich dann tatsächlich die Zusage, dass ich den Platz bekomme. Auch wenn ich fest damit gerechnet habe und es nie einen Plan B gab, bin ich unfassbar glücklich, dass ich das machen kann, was ich will.
  4. 1999: Abschluss Diplompädagogin: Endlich habe ich mein Ziel erreicht und ich fange meine erste Stelle als Sprachtherapeutin an. Es hat lange gedauert, doch jetzt bin ich da, wo ich sein wollte. Ich bin so happy und auch stolz, dass ich meinen ganz eigenen Weg gegangen bin und nicht auf andere gehört habe.
  5. Ab 1999: Arbeit in sprachtherapeutischen Praxen und einer Klinik. Mit der Zeit arbeite ich immer mehr mit erwachsenen Menschen (nach Schlaganfall und/oder mit chronischen Erkrankungen wie Parkinson, ALS u.ä.) und merke, dass die Sprachstörung oft nur ein sehr kleiner Teil ihres Lebens ist – wenn auch ein sehr wichtiger und persönlicher. Ich erfahre von so vielen Problemen, Themen und Wünschen – nicht nur von den Betroffenen, sondern auch von den Angehörigen, so dass ich das Gefühl habe, nur ein kleines Rädchen zu sein. Ich werde mit dem Kampf gegen Hilflosigkeit, die Erkrankung / Sprachstörung u.ä. konfrontiert. Mich interessiert, wie die Betroffenen mit ihrer Situation umgehen, was ihnen hilft und wo es für sie schwierig ist. Das geht oft weit über meine Fähigkeiten hinaus. Doch was ich hierbei lerne, ist, dass Menschen, die ihre Situation akzeptieren können, es leichter haben. Ich bewundere es, wie Menschen dazu in der Lage sind. Auch wird mir immer mehr bewusst, wie Gedanken und Emotionen den Körper beeinflussen.
  1. 2007 – 2019: Diverse Umzüge: Wir ziehen als Familie von Kiel nach München und später von München nach Heidelberg. Insgesamt verbringen wir 12 Jahre im Süden Deutschlands. Mir gefällt es, etwas Neues zu erleben und neue Menschen kennenzulernen. Gleichzeitig werde ich mit meiner hohen Sensibilität herausgefordert, und ich merke, dass Entspannung immer wichtiger für mich wird. Ich nehme mir immer öfter Zeit für mich und fange an zu meditieren.
Ich habe mehrere Städte kennengelernt. Während München und Heidelberg klassisch schöne Städte sind, finde ich Kiel so toll wegen der Nähe zum Meer. Nach Feierabend noch kurz zum Strand fahren ist einfach sensationell. Außerdem liegen mitten in der Stadt große (und kleine) Schiffe an der Förde.
In meiner Zeit in Süddeutschland habe ich Skifahren gelernt. Was für ein Spaß!
  1. 2014: Kennenlernen der Methoden aus SANJO. Eine Kollegin erzählt mir von ihrer Fortbildung. Sie ist dabei, die Methoden aus SANJO zu lernen und ich finde das von Anfang an sehr interessant. Zum einen, weil es etwas Neues ist, zum anderen, weil ich merke, dass es hierbei um mehr als nur den Körper geht.
  2. Juli 2014: Anmeldung zum Schnupperwochenende. Ich möchte mehr über diese Methode erfahren und mache ein Seminar bei Sabine Groß-Jansen. Mich fasziniert sofort, dass dies eine etwas andere Methode ist, die nichts bekämpft, sondern „das Problem“ als Hilfestellung und Lösungsversuch des Körpers betrachtet. Sabine zeigt, wie die Idee, ein Problem als Hilfe zu sehen, ihr Leben auch in anderen Bereichen beeinflusst hat. Das interessiert mich sehr, und ich beginne, Schwierigkeiten anders zu sehen. Außerdem merke ich, dass sich meine eigenen Verspannungen in Rücken und Nacken lösen. Diese Methoden begeistern mich. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mein Leben lang auf diese Form der Arbeit gewartet habe – auch wenn es sich sehr pathetisch anhört. Denn jetzt merke ich, dass Kämpfen immer anstrengend ist und zu Spannungen führt, egal ob auf körperlicher Ebene oder in der Kindererziehung, in Beziehungen oder wo auch immer. Bisher dachte ich, es sei normal zu kämpfen.
  3. 2014 – 2016: Ausbildung zur SANJO-Praktikerin. Mir ist sofort klar, dass ich diese Methode lernen will. Kurze Zeit später beginne ich meine Ausbildung bei Holger M. David, dem Begründer von SANJO. Zum einen liebe ich es, selbst mit den Methoden aus SANJO „behandelt“ zu werden, weil ich dabei wunderbar entspannen kann. Zum Anderen bekomme ich tolles Feedback von Menschen, die diese Methode am eigenen Leib erfahren. Hinzu kommt, dass ich meine Sicht auf „Probleme“ verändere und in allen Bereichen meines Lebens anfange, Probleme als Lösungsversuch meines Körpers und meiner Seele zu sehen.
SANJO ist eine sanfte Methode, um Muskelverspannungen direkt vom zentralen Nervensystem aus zu lösen und tief zu entspannen. Sie wurde Mitte bis Ende der 90er Jahre entwickelt. Der Grundgedanke ist so einfach wie genial: Kein Muskel bewegt sich ohne Anweisung des Gehirns. Wer daher Muskelverspannungen dauerhaft reduzieren will, tut gut daran dafür zu sorgen, dass der Muskel von der Zentrale aus angewiesen wird, weniger zu tun.
  1. Oktober 2019: Umzug zurück in den Norden. Aus beruflichen und familiären Gründen ziehen wir wieder in den Norden. Dieses Mal in die Nähe von Hamburg. Das bedeutet für mich die Möglichkeit einer beruflichen Neuorientierung. Ich nutze diese Chance und erstelle eine Website. Kurze Zeit später kommt Corona und macht mir erstmal einen Strich durch die Rechnung. Als ich ins Zweifeln komme, ob ich weitermachen soll, bestärkt mich meine beste Freundin, die aufgrund ihrer Fibromyalgie chronische Schmerzen hat und daher die Methoden aus SANJO zu schätzen gelernt hat, die Zeit zu nutzen, um diese Form der Körpertherapie weiter bekannt zu machen. Sie sagt: „Die Welt muss das kennenlernen.“ Danke, liebe Patricia!
  1. November 2020: Gründung von „Der Ruhepol“. Ich bekomme die Möglichkeit, einen wunderschönen Raum zu mieten. Es kommen die ersten Anmeldungen. Ich verbinde die Körperarbeit mit einem achtsamen Umgang mit Emotionen und Gedanken. So entsteht die Achtsame Körperarbeit mit den Methoden aus SANJO.
zwei ineinanderliegende Hände. Darüber Text: Achtsame Körperarbeit mit Methoden aus SANJO
  1. Heute: Auch, wenn es nicht einfach ist, in dieser Zeit mit Corona, Lockdown und Maskenpflicht eine neue Form der Körperarbeit zu etablieren, bin ich super dankbar für diese Chance, für alle Menschen, die mich dabei unterstützen und für alles, was mich in meinem Leben hierhin gebracht hat. Ich bin gespannt, wohin es mich sonst noch bringt.
Kopf einer lächelnden Frau
Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht. Aber Stück für Stück achte ich auf das, was JETZT da ist und vertraue.

2 Kommentare

  1. Wow, das ist ja ein spannender Weg. Danke fürs Teilen! Ich kenne das Gefühl, anders zu sein, zu sensibel, zu feinfühlig. Ich war auch viel mit mir alleine und dachte, dass es anders sein müsse. Was das alles heißt und bedeutet, wurde mir erst Jahrzehnte später wirklich klar. Ich kenne wirklich viele Methoden, aber von der habe ich noch nie gehört. Danke fürs Aufklären, ich lerne gerne Neues kennen.

    Liebe Grüße aus München von Marita

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