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Bist du deinen Verspannungen dankbar?

Warum du deinen Verspannungen dankbar sein kannst?

Dankbar für Verspannungen? Ja, du hast richtig gelesen!

Klar, deine Verspannungen sind schmerzhaft und du willst sie loswerden, weil sie dich einschränken. Das ist vollkommen logisch und nachvollziehbar. Kenn´ich sehr gut.

Doch hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, WARUM diese Verspannungen überhaupt da sind? Welchen Sinn sie haben?

  • Warum macht unser Körper etwas, das ihn so viel Energie kostet? 

Das muss doch einen guten Grund haben. Denn: Einen Muskel oder Muskelgruppen permanent anzuspannen ist anstrengend und kostet sehr viel Energie, die wir eigentlich gut für unsere Arbeit, die Familie, Sport… nutzen könnten. Unser Körper, der hoch effizient arbeitet, tut so etwas nicht einfach so! Das Kleinhirn hat einen guten Grund dafür, hier für mehr Stabilität zu sorgen – auch wenn wir nicht immer wissen, was genau dieser Grund ist. Und genau darum solltest du deinem Körper und den Verspannungen dankbar sein.

Manchmal liegt es auf der Hand: In der Vergangenheit gab es vielleicht einen Unfall; möglicherweise mit Krankenhausaufenthalt. Vielleicht war auch „nur“ etwas geprellt. Die Propriozeptoren (spezielle Nervenzellen, die den Zustand und Stellung der Muskeln und Gelenke messen) haben erhöhte Werte an das Gehirn gemeldet, weil es eine Gefügelockerung gab. Beispielsweise sind die Halswirbel zu weit auseinander gezogen worden. Vielleicht war in irgendeinem Gelenk der Gelenkspalt für einen kurzen Moment zu groß. Oder irgendeine Kraft hat auf den Körper eingewirkt, wodurch zu hohe Werte ans Gehirn gemeldet wurden.

Mir passiert es ab und zu – zum Glück in letzter Zeit nicht mehr so häufig wie früher -, dass ich einen Hexenschuss habe. Irgendeine Bewegung führt zu einer Gefügelockerung und mein Kleinhirn bekommt die Meldung, dass sich die Wirbel im Lendenwirbelbereich zu weit auseinander bewegt haben. Und in Null komma nix sind die Muskeln in diesem Bereich so verspannt, dass ich mich kaum mehr bewegen kann.

Wäre das nicht der Fall und es käme keine Meldung in meinem Gehirn an, bzw. die Anweisung des Gehirns käme aus irgendeinem Grund nicht mehr bei meinen Muskeln an, könnten sich die Wirbel noch weiter auseinander bewegen. Im schlimmste Fall wäre ich dann querschnittsgelähmt. Um diesen – eindeutig schlimmeren Fall – zu verhindern, schützt mich mein Körper, indem er mich „nur“ mit einem Hexenschuss davonkommen lässt.

  • Da Schmerz im Kleinhirn nicht wahrgenommen wird, ist es aus Sicht des Kleinhirns nur logisch und eine wunderbare und sinnvolle Möglichkeit, mit solch einem Muskelhartspann zu reagieren.

 Mit einem Hexenschuss können die Wirbel nicht weiter auseinander driften und alles ist wieder stabil und sicher. Somit hat das Kleinhirn als Wächter der Stabilität seine Aufgabe erfüllt.

Das Kleinhirn hat also sozusagen ein „Goldenes Buch der Regeln“. Darin steht, wie weit Wirbel oder ein Gelenkspalt auseinander driften dürfen und ab wann es gefährlich wird. Wird gegen eine dieser Regeln verstoßen, tritt das Kleinhirn in Aktion und weist die entsprechende Muskulatur an, für mehr Stabilität zu sorgen, also stärker anzuspannen. Die Muskeln befolgen jede Anweisung des Kleinhirns. So gesehen ist die erhöhte Anspannung sinnvoll, denn sie soll vor etwas Schlimmerem schützen. Also ein Grund, den Verspannungen dankbar zu sein.

  • Dein Körper liebt dich und arbeitet immer für dich.

Manchmal ist es aber auch gar kein Unfall, der einem muskulären Hartspann voraus gegangen ist. Es gibt viele Gründe, die das Kleinhirn veranlassen können, von den Muskeln mehr Spannung einzufordern:

  • Fehlhaltungen, evtl. durch Fehlstellungen der Wirbelsäule o.a.
  • schlechte Haltung, z.B. am Arbeitsplatz
  • wenig Bewegung / langes Sitzen in gleicher Position
  • Zugluft
  • emotionale / psychische Balastungen, wie Stress und Ängste o.ä.
  • Schmerzen
  • schwere, oft einseitige Belastung (Tragen v. schweren Taschen)

All diese Dinge versucht der Körper bestmöglich zu erfüllen – und nimmt dabei Muskelverspannungen in Kauf, weil sie aus Sicht des Gehirns das kleinere Übel sind. Der erhöhte Muskeltonus ist eine Reaktion auf etwas und der Versuch des Körpers, uns zu helfen oder zu schützen. Also können wir den Verspannungen eigentlich dafür dankbar sein.

Das Problem (die Verspannung) ist die Lösung

des Körpers für etwas ganz Anderes.

nach H.M. David

Ich gebe es zu

Ich persönlich neige dazu, mich zu wenig zu bewegen – obwohl ich weiß, dass ich mich hinterher gut fühle. Und ich habe gelernt, dass Wut nichts Gutes ist. Wenn ich nun spüre, dass Wut in mir aufsteigt, ist mein erster Impuls, sie wegzudrücken, denn sie ist ja nicht erwünscht. Doch dann merke ich, dass sich meine Muskulatur anspannt, weil ich mich im wahrsten Sinne des Wortes „zusammenreiße“. Im Grunde bin ich dann im Kampfmodus. Der Körper reagiert mit den Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin, der Blutdruck steigt, die Pupillen weiten sich und, und, und. – Und die Muskulatur wird in Alarmbereitschaft versetzt und angespannt, um sofort kämpfen zu können. Gegen den Auslöser meiner Wut, gegen die Wut selbst, gegen mich, weil ich Wut spüre.

Beim Sport kann man diese Energie von Wut, Ärger oder anderen Emotionen gut nutzen. Durch die Bewegung werden die Stresshormone abgebaut. Danach können die Muskeln wieder entspannen. Werden die Stresshormone nicht abgebaut, bleibt unser Körper im Kampfmodus.

Auch hier hilft die Anspannung der Muskeln uns also, in realen oder vermeintlichen Gefahrensituationen reagieren und uns verteidigen zu können. Das Gehirn kann nicht unterscheiden, ob etwas real ist oder nicht. Für unser Gehirn ist alles, was wir uns vorstellen real. Von daher ist seine Reaktion auch immer auf eine tatsächliche Gefahr gerichtet. Umso wichtiger ist es, unser Gehirn mit hilfreichen Gedanken zu versorgen.

Wenn du dir vorstellst, dass dein Körper dich schützen möchte und aus diesem Grund die Muskeln anspannt, fällt es dir letztlich auch leichter, loszulassen und wieder zu entspannen. Denn du musst nicht gegen deine Verspannung ankämpfen. Vielleicht kannst du dir sogar vorstellen, wie du den Bereich deines Körpers, der gerade schmerzt, mit Dankbarkeit einhüllst. Ich weiß, dass das leichter gesagt ist als getan. Doch gleichzeitig bin ich fest davon überzeugt und habe diese Erfahrung selbst gemacht, dass Verspannungen sich so wesentlich leichter lösen, als wenn man gegen sie kämpft. Denn dann ist man ja wieder im Kampfmodus (s. oben).

Sollte es dir anfangs noch nicht gelingen, tatsächlich dankbar zu sein (was ja wirklich eine Herausforderung sein kann), dann versuche doch mal, ob du die Verspannungen erst einmal akzeptieren kannst, weil du dir sagst, dass dich dein Körper auf diese Art schützen möchte.

Vielleicht möchtest du das ja einmal ausprobieren und mir deine Gedanken und Erfahrungen in die Kommentare schreiben. Ich freue mich auf den Austausch. Viel Spaß beim Ausprobieren!

Ich wünsche dir einen entspannten Tag,
Deine Melanie

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